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(Quelle: Allgemeine Homöopathische Zeitung (AHZ 5/1998, Band 243, Seite 198-202) Homöopathie - Eine Standortbestimmung des Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte von F. Bonsch) 1. Definition und Herkunft des BegriffesDie Homöopathie ist eine Arzneitherapie, die von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Ihre wichtigsten Merkmale sind die gezielte Arzneimittelwahl mit Hilfe der Ähnlichkeitsregel, die sich nach den individuellen Krankheitszeichen und Persönlichkeitsmerkmalen des Patienten richtet, sowie die Verwendung der Arzneimittel in potenzierter Form. Das Wort „Homöopathie" ist abgeleitet aus den griechischen Stämmen „homoios", - ähnlich, und „pathos" - Leiden, Krankheit. Bereits in den Schriften der Schule von Hippokrates findet sich in dem Buch „Von den Stellen des Menschen" die folgende Formulierung „Durch das Ähnliche entsteht die Krankheit und durch Anwendung des Ähnlichen wird die Krankheit geheilt" (3, Bd. Vl, S. 334, zitiert nach 4, Bd. 1, S. 27f.; vgl. auch 1, S. 60). Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) hat dieses Ähnlichkeitsprinzip systematisch ausgearbeitet, klinisch erprobt, erfolgreich praktiziert und im „Organon der Heilkunst" veröffentlicht: Durch Beobachtung, Nachdenken und Erfahrung fand ich, dass im Gegentheile von der alten Allopathie die wahre, richtige beste Heilung zu finden sey in dem Satze: Wähle, um sanft, schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle, eine Arznei welche ein ähnliches Leiden für sich erregen kann, als sie heilen soll." (1, S. 50) Es war Hahnemanns erklärte Absicht, die ärztliche Praxis auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, die er konsequent und unter Anwendung aller damals verfügbaren medizinischen Kenntnisse und Methoden in die Tat umsetzte. Dabei arbeitete er als einer der Ersten in der jüngeren Geschichte mit systematischer Arzneimittelprüfung, Beobachtung und Dokumentation. 2. Von der Homöopathie abgeleitete TherapieverfahrenIn der Absicht, die zeitraubende Untersuchung des Patienten abzukürzen und die im Einzelfall komplizierte Mittelwahl zu vereinfachen, wurden zahlreiche Modifikationen versucht, von denen einige größere Verbreitung erfahren haben. Ein Beispiel hierfür ist die Anwendung von Kombinationen homöopathischer Einzelmittel, ohne individuelle Mittelwahl, die sich hier ähnlich wie in der Allopathie - mehr an der Diagnose und dem allgemeinen Krankheitsbild orientiert. Es gab auch Versuche, die Homöopathie aus theoretischen oder weltanschaulichen Gründen zu modifizieren. Dadurch ist die Definition der Homöopathie unscharf geworden, und manchmal wird der Begriff fälschlicherweise synonym für Naturheilverfahren oder unkonventionelle Medizin insgesamt verwendet. 3. GrundlagenWie Hahnemann selbst sagt, sind die Grundlagen der Homöopathie „Beobachten, Nachdenken und Erfahrung". Am Anfang der Homöopathie stand kein theoretisch beeinflusstes Konzept, sondern allein die ärztliche Beobachtung: Insofern ist die Homöopathie eine reine, ärztliche Erfahrungswissenschaft ohne unmittelbare weltanschauliche Voraussetzungen. Konkret erfolgt die Auswahl homöopathischer Arzneimittel auf der Grundlage der Ähnlichkeitsregel, den Ergebnissen der Arzneimittelprüfung mit gesunden Menschen und unter Beachtung der individuellen Situation jedes einzelnen Patienten. Die Ähnlichkeitsregel „Similia similibus curentur"Experimentell hat Hahnemann herausgefunden, daß jedes Arzneimittel genau die Beschwerden heilt, die es in ähnlicher Form auch erzeugen kann: „similia similibus curentur" (Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt). Auch außerhalb der Homöopathie begegnen uns Ähnlichkeitsbeziehungen: Bei Prellungen durch Schlag oder Sturz lindert Druck den Schmerz; Schmerzmittel können Kopfschmerzen verursachen; Antiarrhythmika können Herzrhythmusstörungen erzeugen. Hahnemann hat nachgewiesen, dass es sich bei dieser Ähnlichkeit zwischen verursachten und geheilten Beschwerden nicht um „paradoxe" Einzelfälle handelt, sondern um eine biologische Gesetzmäßigkeit, die allgemein gültig und therapeutisch nutzbar ist. Diese gesetzmäßige Ähnlichkeit ist der methodische Kern der Homöopathie. 4. Homöopathische ArzneimittelAuf der Suche nach der optimalen Dosis experimentierte Hahnemann mit sehr kleinen Substanzmengen und machte dabei die überraschende Entdeckung, dass durch eine bestimmte Bearbeitung die Arzneien selbst in verschwindend kleiner Dosierung besser wirken als die Ausgangsstoffe. So entwickelte er ein besonderes Herstellungsverfahren für homöopathische Arzneimittel, das er „Dynamisierung" oder „Potenzierung" nannte. Dabei werden die Arzneimittel schrittweise verdünnt und aktiviert. Verdünnt wird mit einem Alkohol-Wasser-Gemisch oder Milchzucker, aktiviert durch kräftiges Schütteln bzw. Verreiben im Mörser. Anfangs arbeitete Hahnemann mit einem Verdünnungsverhältnis von 1:100; man nennt die so potenzierten Mittel Centesimalpotenzen oder C-Potenzen. Je nach Anzahl der durchgeführten Schritte werden sie mit C1, C2, C3, ... bezeichnet. Später entwickelte Hahnemann ein komplizierteres Verfahren zur Potenzierung, bei dem alle Arzneistoffe zunächst bis zur C3 mit Milchzucker verrieben und danach in jedem Schritt im Verhältnis 1 :50.000 verdünnt werden. Diese Potenzen werden heute „LM-Potenzen" oder „Q-Potenzen" genannt. Die „Dezimalpotenzen" werden in jedem Herstellungsschritt nur im Verhältnis 1 :10 verdünnt und mit D1, D2, D3 ... bezeichnet, ansonsten erfolgt die Herstellung wie bei den Centesimalpotenzen. Jeder Stoff, der eine Befindensänderung hervorrufen kann, kann auch ein Arzneimittel sein. Damit er im Sinne der Homöopathie gezielt eingesetzt werden kann, muss er potenziert und an gesunden Menschen geprüft werden. Viele Stoffe werden erst durch die Potenzierung arzneilich aktiv, so z.B. Aurum (Gold), Calcium carbonicum (Austernschalen-Kalk), Graphit, Lycopodium (Bärlapp-Sporen) und Silicea (Kieselerde). Die homöopathische Materia Medica umfasst heute über 2000 verschiedene Wirkstoffe, von denen mehrere hundert sehr gut dokumentiert sind und breit angewendet werden, die übrigen je nach Umfang der verfügbaren Dokumentation und persönlicher Erfahrung des Arztes mehr oder weniger häufig. Die gleichbleibende Herstellung und Qualität homöopathischer Arzneimittel ist heute in Deutschland und in der EU gesetzlich geregelt. Nach dem amtlichen Homöopathischen Arzneibuch, HAB 1, folgten in den letzten Jahren Monographien zu homöopathischen Arzneimitteln im französischen Arzneibuch sowie eine allgemeine Monographie zu homöopathischen Zubereitungen in der Europäischen Pharmacopoe. Auch in anderen Therapierichtungen werden Arzneimittel verwendet, die nach dem homöopathischen Arzneibuch hergestellt wurden, zum Beispiel in der anthroposophischen Medizin. Mit Erlass der Homöopathie-Richtlinien 1992 durch die Europäische Gemeinschaft wurden die homöopathischen Arzneimittel erstmalig auch auf internationaler Ebene als solche anerkannt. 5. Möglichkeiten und Grenzen einer homöopathischen BehandlungLetztlich ist die Homöopathie eine Hilfe zur Selbsthilfe und kann immer dann helfen, wenn grundsätzlich noch eine Möglichkeit der Selbstheilung besteht. Mit wenigen Ausnahmen können deshalb fast alle Patienten von einer homöopathischen Behandlung profitieren. Nicht selten ist die homöopathische Behandlung die für den Patienten am besten geeignete. Beim Vorliegen schwerer Verletzungen sowie bei allen Notfällen und Krankheiten, die chirurgisch oder sonst wie intensiv behandelt werden müssen, kann die Homöopathie nach Einleiten der ärztlich erforderlichen Sofortmaßnahmen den Gesundungsprozess unterstützen. Viele langwierig verlaufende Krankheiten wie z.B. Neurodermitis, Heuschnupfen und Bronchialasthma und viele häufig wiederkehrende Erkrankungen wie Mandelentzündungen, Nebenhöhlenentzündungen, Bronchitis und Mittelohrentzündungen, die durch konventionelle Behandlung oft nur kurzfristig gebessert werden, lassen sich durch eine sorgfältige homöopathische Behandlung oft dauerhaft bessern oder sogar ganz ausheilen. Oft sieht man unter homöopathischer Behandlung eine allgemeine Stabilisierung: Die Patienten fühlen sich insgesamt wohler, werden psychisch ausgeglichener, allgemein leistungsfähiger, weniger anfällig gegen Belastungssituationen und akute Krankheiten. Das sind die Zeichen einer sich bessernden allgemeinen Gesundheit. Nicht zuletzt dadurch ist die Homöopathie sehr kostengünstig und auch aus diesem Grund zunehmend aktuell. Richtig angewendet birgt die Homöopathie nur sehr geringe Risiken. Allerdings sind auch homöopathische Mittel Arzneimittel, die, unsachgemäß angewendet, unerwünschte Wirkungen aufweisen können. Gegenanzeigen im engeren Sinne, also Fälle in denen die Homöopathie per se schädlich ist, gibt es nicht. Es gibt aber Zustände, in denen eine alleinige Aktivierung der Selbstheilungskräfte nicht erfolgversprechend ist, sondern nur eine mehr oder weniger aggressive Behandlung. Hier dürfen nicht durch homöopathische Therapieversuche die notwendigen chirurgischen oder allopathischen Maßnahmen verzögert werden. Das gilt für alle Krankheiten und Unfallfolgen mit zwingender Operationsindikation oder Fälle, in denen eine intensivmedizinische Behandlung oder eine Substitution nötig ist. So wird zum Beispiel bei schwerem Diabetes die Homöopathie in der Regel die Insulinbehandlung nicht ersetzen können und bei Ausfall der Nierenfunktion nicht die Dialyse. Die Entscheidung muss im Einzelfall mit ärztlichem Sachverstand getroffen werden. Nebenwirkungen nach Anwendung homöopathischer Mittel sind grundsätzlich möglich. Sie treten bei zu häufiger und unqualifizierter Verwendung homöopathischer Arzneimittel oder der Verwendung ungeeigneter Potenzen auf. Bei niedrigen Potenzen muss auch mit dem Auftreten stofflicher Arzneimittelwirkungen, zum Beispiel mit Überempfindlichkeitsreaktionen, im Extremfall auch mit Vergiftungen gerechnet werden. Je besser ein Mittel zum Patienten und seiner Krankheit passt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient von allen Wirkungen seines Mittels profitiert. Auch die Nebenwirkungen sind letztlich Wirkungen eines Arzneimittels. Ihr Auftreten kann für den Arzt ein wichtiger Hinweis zur Genauigkeit der Mittelwahl sein. Aus diesem Grund wird im Rahmen einer homöopathischen Therapie und Anamnese diesem Aspekt vom Arzt eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Durch die der Reaktionslage des Patienten angepasste Wahl des Arzneimittels und der Potenz, sind entsprechende, unter Umständen den Patienten belästigende, Arzneimittelwirkungen vermeidbar. Literatur1) Hahnemann, S.: Organon der Heilkunst, letzte und 6. Ausgabe, herausgegeben 1923 von Richard Haehl. Nachdruck 1987 im Haug Verlag, Heidelberg. 2) Hahnemann, S.: Die chronischen Krankheiten, ihre eigenthümliche Natur und homöopathische Heilung; Zweite, viel vermehrte Auflage. Dresden und Leipzig, in der Arnoldischen Buchhandlung 1835. 3) Littre: Oeuvres completes d'Hippocrate (zitiert nach 4). 4) Tischner, R.: Geschichte der Homöopathie. Verlag Dr. Willmar Schwabe, Leipzig I.-IV. Teil 1932-1939. |
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| Letzes Update ( Mittwoch, 16. Juni 2004 ) | |